Boa Vista

Boa Vista – Sand, Sand und nochmals Sand. Auf der kurzen Taxifahrt vom Flughafen ins Dorf Sal Rei fühlte ich mich beim Blick aus dem Fenster stark an Ägypten erinnert – Sand, Abfall und halbfertige Betonbauten, deren Armierungseisen sich gen Himmel strecken. In der Ferne sind riesige Resorts auszumachen. Boa Vista ist komplett auf den Import angewiesen, es gibt keine Nutztiere hier, keinen Anbau und der Fischfang reicht auch nicht aus.

Das Dorf

Sal Rei ist der einzige Ort auf der Insel mit Unterkunftsmöglichkeiten. Der neue grössere Teil besteht aus den bereits erwähnten Betonbauten und aus hässlichen Neubauten a la Vergnügungspark. Der sehr kleine alte Teil hat teilweise schöne Kolonialbauten und schmale, gepflasterte Strassen. Es hat einen kleinen hübschen Hafen mit Fischmarkt, einen Kindergarten, wo die Kinder in einem kargen, betonierten Hinterhof herumrennen und einen, besonders am Abend, lebendigen Zentralplatz.

Die Menschen

Die Kapverdianer sind extrem kinderfreundlich, wo auch immer wir sind, wird dem Kind gewunken, zugelacht und „Bebe“ gerufen.Ansonsten ist eine gewisse Touristenübersättigung gut bemerkbar, beispielsweise werden Fragen nach dem Weg eher mürrisch oder gar nicht beantwortet. Und jeder schreit einen „Hey my friend“, „Taxi“ oder „Souvenir“ zu.

Es gibt etwa 15 Supermärkte, 14 davon gehören den Chinesen. Es gibt vielleicht 30 Hotels und Pensionen, 29 davon gehören den Italienern. Es gibt ungefähr 20 Restaurants, 19 davon gehören den Italienern. Es gibt etwas 8 Strandbars, 7 davon, man ahnt es bereits, gehören den Italienern. Marlon Brando lässt grüssen.

Es gibt hier also eine eindeutige „Macht“, die Boavista(ita)liener, nachfolgend nur noch Vistalos genannt, ihnen gehört das Land, die Häuser, die neuen Autos, das ganze Geld. Sie lassen ihre Zimmer und Wohnungen lieber leer stehen, als den Preis ein bisschen zu senken. Ich möchte erwähnt haben, dass wir Italiener mögen, sehr sogar, und die Vistalos genau so gut für jede andere invasive „Macht“ aus jedem anderen x-beliebigen Land stehen könnten.

Die Unterkunft

Die ersten drei Tage verbrachten wir damit eine passende Unterkunft für uns zu finden. Die Preise hier sind wie gesagt, erstaunlich hoch und wenn etwas günstiger ist, ist es selbst für unsere geringen Ansprüche zu klein, schmutzig und denkbar ungeeignet für ein entdeckungsfreudiges Kind. Es gäbe sie bestimmt auch, die günstigen, guten Bleiben, aber man braucht sehr viel Geduld und müsste die richtigen Leute treffen. Wir kamen von Vistalo zu Vistalo, den Rest kann man sich denken. Mittlerweile haben wir aufgegeben, bezahlen nun ein kleines Vermögen für ein kleines Appartement und haben schon einen Flug auf eine andere Insel gebucht. Wir wohnen in einem der Vergnügungsparkpapphäuser und haben tata- sogar eine Waschmaschine, die wir sehr lieben. (Wer jeden Morgen Pipiwindeln auswäscht, weiss warum). Die Wände sind pink, die Möbel orange, hält man sich länger als eine Stunde darin auf, bekommt man Kopfschmerzen. Gehören tut das natürlich einem Vistalo und merkwürdigerweise bewohnen es auch sehr viele seiner „Familienangehörigen“. Unter uns wohnt ein älteres, bärtiges Exemplar mit Lederhaut, welches mit Vorliebe singt, so richtig laut und so richtig falsch und schon ab 4 Uhr in der Früh. Bravo!  Wir sind umzingelt.

Einkaufen und Essen

Im ersten Supermarkt gab es nichts zu kaufen ausser Alkohol, Zigaretten und einige Konservendosen (der Mann und ich hätten irgendwie damit überleben können, wir hatten sowas ähnliches schon mal in Kuba, aber meine Güte, das Kind). Ich fragte etwas schüchtern nach Milch und erhielt zur Bestätigung ein heftiges Kopfschütteln. Nebst Horrorszenarien, welche sich in meinem Kopf abspielten, blickte ich den Mann mit einem triumphierenden Lächeln an. Der Liter Milch, den ich frühmorgens in einem Anfall von mütterlicher Panik ins Gepäck schmuggelte, würde hier das Überleben oder zumindest das problemlose Einschlafen für mindestens fünf Tage garantieren.

Der zweite Supermarkt gleich um die Ecke war vollgestopft mit Milch und Fräsalien, wenn auch nicht sonderlich viel Gemüse und Früchte, aber hungern würden wir nicht, und nun lachte der Mann mich doch ein bisschen aus.

essen

Man isst hier vorwiegend Pizza und Pasta. In einer Nebengasse haben wir ein kleines einheimisches Lokal gefunden, wo wir, wenn wir gerade keine Lust zu kochen haben, einfache, landestypische Mahlzeiten serviert bekommen, Reis mit Fisch , Reis mit Meeresgetier oder Reis mit Bohnen.

Das Kind

Das Kind befindet sich im siebten Himmel und liebt das Leben gerade sehr. Es übertrifft sich selbst an Fröhlichkeit und quietscht oft vor Freude. Die Umstellung hat es mit einer Leichtigkeit hingenommen, die uns in Erstaunen versetzt.

Schnell hat es „ciao ciao“ gelernt, um den Menschen auch hier Tschüss sagen zu können.Es hat seine ersten freien Schritte gemacht, vier Tage nach Ankunft.

Es ist schmutziger als in der Schweiz und schon in der Schweiz war es nie sauber.

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Es liebt den Strand, nicht aber das Meer.

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 Der Mann und ich

Wir befinden uns nicht ganz im siebten Himmel, aber nun, mit dem Weiterflugticket im Sack, nehmen wir es mit einer gewissen Gemütlichkeit. Der Traumstrand und die Traumstrandbar machen die Sache um einiges besser und ein bisschen kiten lässt sich auch. Wenn auch an einem suboptimalen Strand mit ablandigem Wind wo ich mir schon eine 35 Euro Rettungsbootsfahrt leisten durfte und einem Wind, der einem Keuchhusten gleicht. Wir wähnen uns im Strandurlaub.

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Ein Gedanke zu “Boa Vista

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