Es trotzkopft

Nach einer kurzen Nacht in Praia und dem Wissen um baldige Rückkehr, machten wir uns auf den Weg an die Ostküste. Es gibt Sammeltaxis „Aluguers“, das sind Kleinbusse im VW-Bus Format, welche verschiedene Zielorte haben und losfahren, sobald sie überfüllt sind voll sind. Nachdem wir uns zu Fuss hilflos verirrt haben, nehmen wir ein Taxi zum „Sammeltaxibahnhof“. Das ist eine Strasse von Kleinbussen, Menschen und Essensständen überlagert. Es ist laut, hektisch und riecht nach Abenteuer, ich grinse glückselig, der Mann wird etwas bleich um die Nase, das Kind schaut mit grossen Augen. Alles geht rasend schnell, der Taxifahrer schreit unseren Zielort, junge Männer galoppieren schreiend und deutend neben unserem Auto her, plötzlich ein abrupter Stopp, die Tür wird aufgerissen, wir werden in ein Aluguer verfrachtet, als ginge es um Leben und Tod, als sei jede Sekunde weiss ich nicht was wert. Unser Kitegepäck wird kurzentschlossen auf das Dach gebunden, ich quetsche mich mit Kind auf dem Schoss neben eine andere Mutter, meine halbe Pobacke findet sogar Platz auf dem Sitz. Der Mann sitzt irgendwo weiter vorne, ich zähle 16 Personen.

Wir fahren los, von sanftem Fahrstil kann keine Rede sein, plötzlich eine starke Bremsung, Aufregung auf der Strasse und bei uns im Bus. Ich werfe einen Blick aus dem Fenster und erkenne unseren Taxifahrer von vorher mit des Mannes Rucksack in den Armen. Der Mann bedankt sich so herzlich beim Taxifahrer, wie es die drei Sekunden erlaubten, der Rucksack ward verstaut und wir rasen weiter, nun mit Herzklopfen ob all dem Rucksackglück.

Das Kind schäkert mit allen schäkerungswilligen Personen und grinst wie ein Honigkuchenpferd. Wir donnern zu lauter Musik über die Strasse, bald steigt eine Nonne zu, ich bin mir nicht sicher ob ich das für ein gutes Omen halten soll. Der Fahrer hat weiterhin seinen Bleifuss auf dem Gas, wir werden hin und her geworfen, das Kind jauchzt, ich klammere mich an die Haare des Vordermannes die Lehne des Vordersitzes. Von der vorbeirauschenden Landschaft erhasche ich einzelne Blicke auf ockerfarbene, trockene Erde, Bäume und Büsche in schmutzigem Grün, kleine Dörfer mit sehr einfachen Wellblechdachhäusern, mageren Kühen, Esel, Hühner, welche zum Teil gemütlich über die Strasse trotten. Papayabäume, kleine Bananenplantagen, fruchtbare schmale Täler, Maisanbau. Dann Serpentinenkurven einen Berg hinauf, der Motor heult, die Musik dröhnt, der Abgrund irgendwie nah, die Strasse scheint zu schmal. Ich schwitze, das Kind schläft ein, ebenso das Nachbarskind, sowas kann man auch nur in jüngsten Jahren. In all diesem Lärm und dieser Geschwindigkeit wird es auf einmal ganz leise und langsam um uns herum. Wir lächeln uns an, mit unseren schlafenden Kindern im Arm, halten mit einer Hand schützend den Kopf des Kindes und lehnen uns entspannt zurück. Es ist sehr friedvoll, es braucht keine Worte, keine gemeinsame Sprache, keine geteilte Kultur, keine gleiche Herkunft. Wir sind Mütter in diesem Moment, mit schlafendem, geliebtem Kind im Arm, das verbindet, mehr als irgendetwas trennen könnte.

In Calheta de Sao Miguel steigen wir aus und stehen mit unserem Gepäck auf verlassener, gepflasterter Strasse. Ich setze mich mit Gepäck und schlaftrunkenem Kind in den Schatten eines Baumes, der Mann geht auf Zimmersuche. Alsbald kommt eine sehr alte, schrumpelige, ein riesiges Plastikbecken auf dem Kopf balancierende Frau die Strasse entlang. Vor uns bleibt sie stehen, betrachtet mich, das Kind, mich und wieder das Kind. Sie sagt irgendetwas auf Kreol zu mir. Ich sage ihr, dass ich sie nicht verstehe. Sie spricht einfach weiter. Nach einer Weile nimmt sie den Fuss des Kindes in die Hand, betrachtet ihn ausgiebig und wie mir scheint prüfend, nickt zufrieden und geht grusslos weiter.

Das Dorf besteht mehrheitlich aus Ruinen, nie fertig gebaute Häuser, nun im Zerfall, bewohnt von kinderreichen Familien und deren Nutztiere. Es sieht so aus, wie ich mir ein Dorf kurz nach dem Krieg vorstelle.

Für drei Tage steht die Zeit ein bisschen still, wir tun nicht viel, lassen uns ein bisschen treiben und haben viele Eindrücke zu verarbeiten. Mitten in der Armut. Bilder, die mir wie Steine im Hals stecken bleiben und sich nicht so recht schlucken lassen. Niemand bettelt, wir werden überall freundlich gegrüsst, das Kind kriegt Kuchen und Bonbons geschenkt. In unserem Hotel kommen zwei Frauen mit ganz vielen Koffern aus Portugal an, Vertreterinnen einer Patenkindstiftung. Am kommenden Tag weihnachtet es, bis spät am Abend stehen die Kinder Schlange um ihr Geschenk abzuholen.

Am kleinen Strand baden Horden von Kindern in einem von bräunlichem Schaum bedeckten Meer. Wir wandern über Berge von Abfall und Fäkalien. Hunde, Schweine, Hühner, Ziegen und wenige Kühe mittendrinn.

Hahn

schwein

An einem späten Abend hat das Kind seinen ersten Trotzanfall. So richtig lange und so richtig laut und sogar mit theatralischem Shoppen-werfen. Das ist nicht lustig, zumal wir uns mit der Zeit nicht mehr sicher sind ob das Kind nicht unter wahnsinnigen Schmerzen leide. Und wir irgendwo in der Pampa. Bald aber ist klar: Unser Kind kann trotzen und scheint eine beinahe übernatürliche Begabung dafür zu haben. Oder vielleicht sind wir auch einfach nur Anfänger.

Abgesehen davon gefällt es dem Kind wahrscheinlich ausserordentlich gut hier. Kaum auf den Rücken gebunden, beginnt es aufgeregt zu zappeln, kaum aus der Tür getreten, dringen erste Lobgesänge an sein Ohr. Es lacht, winkt nach rechts, lacht, winkt nach links, lacht, winkt nach rechts und so weiter und so fort. Ich fühle mich ein bisschen als Sänftenträgerin einer Prinzessin. Kleinkinder, Greise, kichernde Jugendliche, schlendernde Mittezwanziger, kurzum so ziemlich jede Person in Sicht- oder Hörweite lachen ihm zu, winken, preisen seine Schönheit und reichen Schleckereien. Ich kann mir das nur mit der Mutmassung erklären, dass sie noch nie ein weisses Kleinkind gesehen haben.

Die Fahrt zurück nach Praia ziemlich ereignislos, der Fahrer fährt normal, das Kind schläft (ich finde wir haben ein ausserordentlich reisetaugliches Kind, ich möchte sogar behaupten, tauglicher als der Mann) und nach Ankunft gehen wir ins altbekannte Hotel. Dort warten wir auf die Patentante des Kindes, welche uns für zwei Wochen besuchen kommt und welche nachfolgend nur noch „die Tante“ genannt wird.

warten

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4 Gedanken zu “Es trotzkopft

  1. Liebe Frau-Mutter

    ENDLICH! In allerletzter Minute und
    kurz vor meinem Klinikeintritt in die Waldau, von wegen akuter S.D.F.-Forsetzungsstory-Mangelerscheinungen (= S.D.F.- Syndrom), ist Dein spannender Bericht eingetroffen!

    Beim Mitverfolgen der Reise im „Aluguer“ (heisst „Gemieteter“) wurde mir einwenig (reise-)übel….

    Die Trotzphase des Kindes hat eben erst angefangen… Viel Durchhaltevermögen und Standhaftigkeit!

    Geniesst den Besuch und seid herzlichst gegrüsst aus dem, immernoch, nebligen Nidau
    Syle

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    • Da bin ich aber froh 🙂
      Internet zu finden ist zur Zeit nicht ganz einfach und ich mag nicht immer suchen, von daher sind die Pausen momentan etwas länger…
      herzliche Grüsse nach Nidau

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  2. Schön von euch zu hören. Glücklicherweise sind beim Lesen die kritischen Episoden bereits vorbei und gut ausgegangen………..
    Ausgedruckt habe ich mir die Foto deiner zwei Liebsten, sitzend auf dem Dach. Dieses Bild beeindruckt mich zutiefst und ich lässt mich spüren, was euch das Reisen in die Ferne alles gibt. In diesem Sinne seid umarmt, trage euch Sorge und geniesst weiterhin euren Aufenthalt.
    Muntsch, wir vermissen euch!
    vb
    Liebe Grüsse auch an die Tante………..

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    • Herzlichen Dank für Deine Worte, wir haben uns sehr darüber gefreut! Wir vermissen euch natürlich auch – von Zeit zu Zeit. 🙂
      Fühlt euch umarmt – bis bald!

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