Die Hausbesetzer

Wir fuhren mit der Tante nach Tarrafal, ein gemütlicher, schmucker kleiner Ort mit hübschem Strand, denn die Tante, frisch der schweizerischen Kälte entkommen, wünscht sich nichts mehr als Meer und Sonne.

Wir erwischten ein romantisches Aluguer und wurden zwei Stunden lang mit backstreetboyschen Balladen beglückt. Wenn die Tante und ich gemeinsam reisen wird’s früher oder später immer spannend. Darum, und weil wir uns sehr mögen, verreisen wir ausgesprochen gerne zusammen.

Der Startschuss für das diesjährige Abenteuer gab jedoch der Mann. Er fragte in der erstbesten Bar die Besitzerin auf gut Glück nach privaten Unterkünften, (Schlafen ist nämlich auch auf dieser Insel teuer. Für einfache Bleiben bezahlt man im Schnitt zwischen 30-50 Euro pro Nacht für ein Doppelbett. Die Anzahl der Hotels ist sehr überschaubar und grundsätzlich in ausländischer Hand). Jedenfalls schmiss die Besitzerin kurzum ihre zwei Gäste aus der Bar, schloss ab und marschierte los. Wir folgten gespannt. Beim ersten Haus öffnete nach mehrmaligem Rufen eine junge Frau mit klitzekleinem Baby im Arm. Nach einem kurzen Wortwechsel wurden wir über mehrere Treppen in das Dachgeschoss geführt. Ein riesiger Raum, gekachelt und vollkommen leer. Ein angrenzender Raum mit einem nackten Doppelbett. Eine riesige Küche mit monströser Küchenkombination in dunklem Holz – vollkommen leer. Kein Tisch, kein Stuhl, keine Pfanne, keine Tasse – wirklich rein gar nichts, dafür überall Giftkügelchen, tote Kakerlaken, Spinnweben und eine dicke Schicht Sandstaub. Wir schauten uns an, mit langen Gesichtern und konnten nicht anders als in kindliches Gekicher auszubrechen. Ich fragte nach einem zweiten Bett, die beiden Frauen diskutierten und meinten dann, sie könnten uns von irgendwoher ein Klappbett besorgen. Wir verabschiedeten uns freundlich und entschuldigend.

Beim nächsten Haus öffnet auch nach 10 minütigem Rufen niemand, die Barbesitzerin hiess uns zu warten und verschwand. Eine lange Weile später kam sie zurück und wir brachen zu einem neuen Haus auf. Bei einem kleinen Restaurant wartete eine junge Frau auf uns und erklärte, dass ihre Mutter ein leeres Haus habe. Wegen nicht allzu guten Sprachkenntnissen nahm ich diese Aussage nicht wortwörtlich. Die Tante und ich gingen uns die potenzielle neue Unterkunft anschauen, während der Mann mit mittlerweile sehr hungrigem Kind zum Essen blieb. Uns wurde ein zweistöckiges, vollkommen leerstehendes Haus vorgeführt. Im Erdgeschoss Baustelle mit halbfertiger Küche, im 1. Stock ein Zimmer mit einem alten Doppelbett, Küche mit kaputter Kombination, Bad mit Badewanne und grosses Wohnzimmer mit Balkon und einem Tisch und einem Stuhl. Im 2.Stock vier Zimmer, drei davon gänzlich leer, eines mit Doppelbett, Bad mit Dusche, Balkon mit Meeresblick. Wir staunten Bauklötze und wandelten durch Staub und tote Kakerlaken, ein weiteres Mal. Die Tante und ich blickten uns an und ich sah ein verräterisches Leuchten in ihren Augen.
Ich: Meinst Du wirklich?
T: Hm, was meinst Du?
Ich: Also genug Platz hätten wir…
T: Also ich finds noch schön, also jedenfalls den Balkon mit Meeresblick.
Ich: Wir hätten sogar einen Tisch und zwei Stühle.

Die junge Frau lächelte uns strahlend an, wir sprachen über den Preis, sie sagte wir müssen das mit ihrer Mutter abmachen, die aber erst am kommenden Tag Zeit hätte. So kehrten wir zu Restaurant, Mann, Kind und Gepäck zurück, es war bereits später Nachmittag. Nach einem kurzen Sprung ins Meer schleppten wir uns und unser Gepäck zu einem Hotel. Die Rezeption verwaist, unser zaghaftes Rufen verhallte im Treppenhaus. Als wir im Begriff waren aufzugeben und weiter zu suchen, tauchte doch noch jemand auf. Ich liess mir kurz ein Zimmer zeigen, irgendetwas roch merkwürdig penetrant, doch ich schenkte dem keine grosse Beachtung. Als in einer vollgestellten Abstellkammer noch ein Klappbett für die Tante gefunden wurde, welches wir im Zimmer aufbauen konnten, und welches beim ersten Hinsetzen zusammenklappte, gaben wir uns vorerst zufrieden.
Ausgelassen kehrten wir spät abends zurück und blieben schnuppernd im Treppenhaus stehen, irgendjemand bemerkte, dass es doch ziemlich stinke. Bald war die Ursache gefunden – frisch gestrichene Wände – bald waren die Kopfschmerzen da. So nächtigten wir mit weit aufgerissenen Fenstern in üblen Dämpfen. Am nächsten Morgen sprach der Mann euphorisch: „ Lasst uns das verlassene Haus besetzten!“

Den ganzen Tag verbrachten wir mit dem Einzug in unsere leere Villa, beziehungsweise warteten wir vor allem auf die Bigmama, dann auf Einigung, dann auf Unbekanntes, dann musste noch ein Bett in die Villa verfrachtet werden, Sinn und Zweck bis zum heutigen Tag unbekannt .

Umzug

Am späten Nachmittag zogen wir endlich ein, in einem riesigen Tumult. Bigmama und Töchter putzten den ersten Stock, wobei Bigmama das Zepter und die Peitsche schwang.In Anbetracht des grossen Wohnzimmers machten wir den Vorschlag, das mitgebrachte Bett dort aufzubauen, was den Töchtern logisch erschien, nicht aber Bigmama. Die fand das Bett im Wohnzimmer sei der doppelte Mietpreis wert, was für uns wiederum sehr unlogisch war. Wir sagten, dass wir einfach den abgemachten Preis bezahlen und sie das Bett hinstellen sollen, wo immer sie wollen. Schliesslich kam auch noch Bigmamas Mann dazu, es wurde diskutiert, wild gestikuliert und lauthals argumentiert, was uns dazu animierte, an den Strand zu flüchten. Bei Rückkehr stand das Bett fein säuberlich neben dem anderen im Schlafzimmer, uns hat es wenig überrascht. Es war schon lange dunkel, als es an der Tür pochte und gestresst die Bigmama herein rauschte, wortlos einen dritten Stuhl brachte und ein Nachttischchen, welches sie in das ohnehin nun enge Schlafzimmer stellte, eine Häkeldecke darüber ausbreitete und eine Marmorfigur religiöser Herkunft darauf stellte. Genau das hatte uns noch an Mobiliar gefehlt.

Wer stressresistent ist, Geduld und Zeit hat, dem seien private Unterkünfte in Kap Verden empfohlen. Wir geniessen unsere verlassene Villa an bester Lage mit Meeresblick, den zwei Mitbewohnern Hans und Ueli (Kakerlaken, welche wir in der Küche gefangen halten) und den 13 Schlössern mit 13 verschiedenen Schlüsseln (bevor man eine Türe schliesst, ist zwingend auf einen vorhandenen Schlüssel zu achten. Ist dies nicht der Fall, muss Bigmama gerufen werden, welche dann mit unübertrieben 40 vielleicht passenden Schlüssel herbeirauscht). Kindertauglich ist so eine Villa auch, leere Räume sind sowas von cool zum Laufen üben, das Kind hat in diesem Haus erstaunliche Fortschritte gemacht.
Ansonsten wähnen wir uns nicht nur im Strandurlaub – wir sind es definitiv. Erleben täglich kleine Geschichten, kennen wohl schon das halbe Dorf und das Kind liebt nun das Meer.

tarrafal

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6 Gedanken zu “Die Hausbesetzer

  1. Hoffentlich sind Hans und Ueli die letzten Exemplare ihrer Sippe ……………
    Habe gehört, dass diese Spezies normalerweise eine sehr, sehr grosse Verwandtschaft hat. Sollten die auf Besuch kommen ist wohl der Mann gefragt, der sich schon bei der Jagd auf Mücken bestens bewährt hat.
    Der Strand hingegen sieht traumhaft aus. Viel Spass und gemütliche Stunden. Muntsch

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  2. Ach, wie schön!
    Ihr könnt echt froh sein, dass Eure beiden Mitbewohner männlich sind. Dann vermehren die sich nicht im gleich rasanten Tempo, wie ein Päärchen… Sie sind nachtaktiv und Ihr wollt sicherlich nicht annähernd wissen, was die Viecher alles auf Menschen übertragen… (Wikipedia lernt uns das Fürchten!)
    Ich persönlich würde zum schonunglosen Mörder…
    Geniesst die Villa und den traumhaften Strand!
    Herzlichst
    Syle

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    • Der Mann wäre als Kakerlakenmörder von uns dreien wohl am wenigsten geeignet, er betritt die Küche nach Einbruch der Dunkelheit, wenn das grosse Rascheln beginnt, grundsätzlich nicht mehr. Ich denke die Tante wäre die Frau dafür gewesen, aber die Tierchen sind unglaublich schnell.
      Wir brauchen die Küche nur zum Kaffeekochen – das geht schon in Ordnung.

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  3. vielleicht, ganz vielleicht schaff ich es doch noch meinen Kommentar in dieses verflixte Kästchen zu bringen…..Oma Oma , ich glaub du lernst es in diesem Leben nicht mehr

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  4. OMG es hat tatsächlich geklappt….irgendwie ganz einfach 😉 🙂 🙂

    am liebschte würdi jede tag läse läse läse 🙂
    allerliebschti Grüessli
    LuBoMa

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