Unterwegs Vinyols – Almeria

Am Montag morgen erwachten wir nach einer unruhigen Nacht unter den Haselnüssen. Irgendwelche Hunderudel mussten in der Nacht unbedingt heulende Wölfe spielen, mit schier unglaublicher Ausdauer. Dafür war der neblige Morgen umso ruhiger, wir die einzigen Gäste. Das Kind fragte erstaunt, wo denn all die Kinder seien, nur um sich dann mit freudigem Gebrüll ganz konkurrenzlos auf das ganze Spielzeug zu schmeissen.

Am Nachmittag erreichten wir unser nächstes Ziel, einen Campingplatz bei Valencia, der weder schön noch hässlich ist, einfach zweckdienlich und in bester Lage für eine Stadtbesichtigung. Wir bezahlten zwei Nächte und nutzten den späten Nachmittag für einen langen Strandspaziergang durch eine Naturschutzzone.

valencia

Kurz vor dem Schlafen, genauer gesagt als wir alle Zahnbürste und jede Menge Schaum im Mund hatten, klopfte es plötzlich laut an Bonzo`s Tür. Etwas überrascht schauten wir uns an, dann öffnete der Mann die Schiebetür und kletterte hinaus in die Dunkelheit. „Guten Abend, ich sah die Schweizerautonummer und da musste ich einfach kurz klopfen, ich bin der Ueli (er muss natürlich Ueli heissen, so heissen alle Schweizer) und ich bin hier um meine Zähne machen zu lassen, das ganze Gebiss“, hörte ich schweizerdeutscherisch, bevor ich eher unsanft die Schiebetür zustiess. Der Mann blieb geschlagene 15 Minuten da draussen, mit Zahnbüste im Mund, im Mückenschwarm und Wortschwall. Die Menschenfreundlichkeit des Mannes ist immens, finde ich.

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Bus ins Zentrum von Valencia, begleitet von einem älteren deutschen Pärchen, welches uns mit ihren Stories beglückte (ich bekam nur etwas mit von einem schrecklichen Campingplatz, wo es nur Holländer und Engländer gab, nur drei Deutsche, DREI Deutsche) vor lauter Glück, jemanden getroffen zu haben, der deutsch spricht. Zum Glück ist der Mann um vieles kommunikativer, smalltalk geeigneter und geduldiger als ich, so dass ich ziemlich unbeteiligt aus dem Fenster starren konnte. Auf halber Strecke wurde das Paar sichtlich nervös und es stellte sich heraus, dass sie nun eine ernsthafte Verirr-Angst entwickelten. Ich sah mich schon den Tag in ihrer Gesellschaft verbringend (die nächtliche Zahnstory noch vor Augen) und trat dem Mann prophylaktisch schon einmal kräftig auf den Fuss.

So konnten wir die Stadt zu dritt erkunden, was aber auch nicht ganz Zuckerschleck war, mit Kleinkind und stadtunwilligem Mann. Das Zentrum verliessen wir relativ schnell dank bockigem Kind und stöhnendem Mann. Mich hat Valencia sehr begeistert, trotz Grossstadt wirkt alles eher gemütlich und es gäbe sicher Schönes zu sehen. Wir machten einen Stopp im Legohaus, um den Mann bei Laune zu halten. Er hat dort dem Kind einen Pyjama gekauft und den Startschuss zum Adventskalender gegeben. Ein zweiter Halt im Mercado Central konnte ich noch herausschlagen, indem ich meine Begleitung mit der Aussicht auf tolle Speisen köderte. Danach bildeten die Zwei eine schmollende, trotzende Einheit, die wohl einfach am Boden liegen geblieben wär, hätte ich sie nicht Richtung Park getragen bzw. geschoben. (Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass ich nur halb so gross und schwer bin wie der Mann.) Der Park ist wirklich, wirklich, wirklich sensationell und nur schon wegen ihm allein lohnt sich ein Besuch. Er schlängelt sich durch die ganze Stadt, da er in einem ausgetrockneten Flussbett angelegt ist. Er ist dadurch auch tiefer gelegen als die Stadt, so dass der Stadtlärm ziemlich wegfällt. Er ist gepflegt und gehegt und wird liebevoll genutzt.

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Gulliver-Spielplatz mit Giganto-Rutsche

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Nach Valencia verbrachten wir eine Nacht in einem unsäglichen Dorf in der Nähe von Cartagena, dies Dank eines sehr netten Internetschnäppchens. Das mehrsternige Hotel empfing uns  gammlige, zerzauste Reisende (ich weiss nicht wie andere Menschen das machen, wir jedenfalls sehen auf Reisen immer irgendwie unansehnlich aus) mit luxuriösen Räumen, riesigen weissen Betten, schöner Aussicht und netter Gartenanlage. Wir wuschen uns den Staub ab, genossen die Anlage und fühlten uns ein bisschen wie Könige. Nur ein abendliches Mahl ersetzten wir durch ein Picknick auf dem Balkon, wir und die spanischen Essenszeiten sind einfach nicht kompatibel. Alles friedlich, alles schön, bis das Kind kurz vor dem Einschlafen durch das ganze Hotel brüllte, es wolle jetzt sofort und nirgends anders als im Auto schlafen. Gefrühstückt haben wir göttlich und in leisem Jazzambiente, dank integrierter Spielecke (ja, sowas gibts in Spanien, und zwar fast überall) sogar ganz gemütlich und über eine Stunde lang.

Bei erstmals strahlend blauem Himmel verbrachten wir einen Strandnachmittag in einer kleinen Bucht im überschaubaren Dorf San Jose. Winterschläflich, gemütlich, freundlich, etwas träg und sehr beschaulich – genau so hatte ich mir die Küste vorgestellt.

san jose

Die Fahrt dorthin führte uns durch riesige Gebiete mit nichts als Treibhaus an Treibhaus, Behausungen aus Plastikfolie und ganze Dörfer im Nirgendwo dieser weissen Plastikweite. Schlucken fiel schwer und ich dachte an all die Tomaten, die man ganzjährlich bei uns erwerben kann, wenn man denn will. Und man will das anscheinend sehr. Das also ist die Brutstätte.

treibhaus

Gegen frühen Abend, ganz ferienübermütig, fuhren wir weiter. In Almeria erwartete uns der Feierabendverkehr, ich schwitzte mich durch sämtliche mehrspurige Kreisel, der Mann und TomTömchen gaben alles und doch verpassten wir immer wieder irgendwelche Ausfahrten. Die Sonne war schon längst unter gegangen, als die Stadt endlich hinter uns lag. „ich fahr noch ein bisschen auf der Autobahn und nehme dann bald eine Ausfahrt, so dass wir irgendwo am Strand schlafen können“, sprach ich, wieder guter Dinge und mit einem schönen Schlafplatz à la San Jose vor Augen. Ich fuhr also, nahm irgendwann eine Ausfahrt und fuhr und fuhr und fuhr – im Scheinwerferlicht nichts ausser Zäune und weisse Plastikwände, dunkle Gestalten, ausnahmslos männlich, zu Fuss oder auf Fahrrädern unterwegs. Dunkle Ecken, hohe Mauern und Gitter – kein Ort, wo wir mit gutem Gefühl hätten nächtigen können.

Bald musste ich einsehen, dass das mit dem beschaulichen Schlafen am Strand nichts mehr wird und das wohlklingende Ortschaften wie San Agustin nur wohl klingen. Unser TomTömchen ist uns ein treuer Begleiter, nur hat er ein Talent dafür, uns immer in den dümmsten Situationen im Stich zu lassen. So irrten und wirrten wir durch dieses immense Kunststofflabyrinth, hundemüde. Irgendwo eine Tankstelle mit offenem Tor und Licht – wir fragten, ob wir dort über Nacht schlafen könnten. „Ich schliesse das Tor bald“, lautete die Antwort,“ ihr könnt höchstens vor dem Tor schlafen. Oder dort, beim grünen Licht.“ Wir fuhren also zum grünen Licht, stellten selbige Frage und bekamen selbige Antwort. Also fuhren wir weiter, das Kind schlief in meinen Armen ein, wir fanden die Autobahn wieder, liessen einige Kilometer hinter uns und nächtigten schliesslich auf einem Parkplatz, gleich neben – genau -.

Almeria2

( Nebst dem eher humoristischen Aspekt dieses Bildes, möchte ich doch darauf hinweisen, dass all das Weisse – genau-.)

Ganz Treibhausparanoid lagen wir wach, der Plastik wehte leise im Wind, nächtliche Besucher schlichen auf Flipflops um unser Auto herum. Schleichen mit Flipflops ist unerhört laut. Ich war so unruhig, dass nicht einmal das Ungeborene schlafen konnte. Um fünf Uhr in der Früh fuhren wir weiter; selbst ein schöner Sonnenaufgang war uns vergönnt, so sehr wir ihn auch suchten.

Erkenntnisse

  • ab und an ein Hotelbett finden nur wir alten nett
  • wenn die Sonne scheint, ist es warm
  • so auch: wenn es schön ist, ist es schön
  • in der Dunkelheit einen Schlafplatz zu suchen, ist suboptimal (wissen wir eigentlich)
  • oben genanntes bei Almeria zu versuchen, ist töricht.
  • Spanien bietet eine sehr familienfreundliche Infrastruktur

 

 

 

 

 

 

 

 

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